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Meine Reise in die Casa Ein spiritueller Reisebericht Ich freue mich sehr auf den Wasserfall. Auch heute. Auch wenn es nicht das erste Mal ist, daß ich dort hingehen darf. Für mich sind alle Wasserfälle heilig oder besser gesagt, alles Saubere und Natürliche, die ganze Natur, soweit nicht vom Menschen verdreckt und zerstört. Ich hatte schon vor der Anreise, von Anfang an, gehofft, daß ich möglichst bald und möglichst oft zum Wasserfall würde gehen dürfen, aber nichts forciert oder gedrängelt oder gar gefragt, das hätte ich als respektlos empfunden. Und siehe da: bereits am ersten Tag lud mich eine Frau ein mit hinzugehen, als ich unschlüssig vor dem Meditationsraum stand, aus dem ich gerade gekommen war. Michelle aus Kalifornien. Dieses sollte nun das zweite Mal sein. Der Wasserfall war eigentlich gar kein Wasserfall. Ehrlich gesagt war er eher ein Witz. Auf den ersten Blick. Nicht mal bei uns auf Korsika, wo man doch im Rahmen der Tourismuswerbung zu Übertreibungen neigt, hätte man ihn so bezeichnet. Es war einfach ein Wasserstrahl, der über eine vielleicht zweieinhalb oder drei Meter hohe Felskante geschossen kam, mit einer Wassermenge und einem Druck, welche man gerade noch als angenehm empfand. Darunter gab es nicht mal ein Badebecken. Doch Menschen, die nicht so naturverwöhnt waren wie ich, empfanden ihn vielleicht gewaltiger oder beeindruckender. Das heißt, beeindruckend war er auch, in der Tat: Sein reines, klares Wasser war nämlich gar nicht klar. Es war fast weiß. Milchig weiß. Woran erinnerte es mich nur? Richtig! An das sagenhafte Trinkwasser der Hunza. An Gletschermilch. Gletscher? Hier? Im brasilianischen Hochland? Merkwürdig. Affen sah ich leider keine, aber man hörte sie in der Nähe kreischen. Dafür gab es farbige Schmetterlinge in allen Größen, die ganz vertraulich in unserer Nähe herumflatterten. Einige Besucher hielten sie für Wesenheiten der Casa, die (kurzfristig?) diese luftige Gestalt angenommen hatten. Nun ja. Ich finde es gut, wenn Menschen Phantasie haben, diese kommt im Alltagsleben ja oft zu kurz, und auf jeden Fall ist es ein schöner, harmonischer Ort, ein lauschiges Plätzchen, und das kühle Wasser, ob nun heilig oder nicht, tut gut bei der schwülen Hitze. Und mir hatte beim letzten Mal die Vorstellung gut gefallen, daß der Wasserstrahl Unerwünschtes und Belastendes von einem abwäscht und fortspült. Die Vorstellung - ohne in den beängstigenden Unsinn von "Schuld" und "Sühne" zu verfallen - daß es einen Menschen reinigt. Eigentlich war das ja mal die Grundidee der Taufe, zumindest der Erwachsenentaufe im Fluß, oder? Eine symbolische Handlung, die einem erleichtern kann, das eigene Denken und Handeln zu verändern, unerwünschte Verhaltensweisen abzulegen. So war für mich auch logisch gut nachvollziehbar - auch wenn ich nicht selbst daran gedacht hatte - daß man sich in den Wasserlachen unterhalb des Wasserfällchens nicht aufhalten oder mit dem Wasser dort nicht in Berührung kommen soll, sobald jemand unter dem Wasserstrahl steht. Als ausgesprochen albern hingegen empfand ich den Zirkus, den einige Frauen veranstalteten, die - getreu der Kabbala angeblich - meinten, man müsse sich nach der "Dusche" eine bestimmte Anzahl von Malen auf dem flachen Stein neben dem Wasserfall in eine Richtung drehen. Manche Leute brauchen eben ständig Rituale, an denen sie sich festklammern können. Meinem Gefühl nach wird es den Wesen der Casa und der Energie des Wassers egal sein ob man derartiges Affentheater veranstaltet, bei dem womöglich noch jemand ausrutscht und sich verletzt. Sie werden achten auf die Intentionen, aus denen ein Wunsch ausgesprochen wird und ob die Erfüllung des Wunsches gut für alle Beteiligten ist und den Gesetzen entspricht. Ein vorher gemeinsam gesprochenes Gebet macht sicherlich Sinn, ansonsten braucht es dafür keinen Hokuspokus. Überhaupt kann ich alles nicht leiden, was mit Ritualen und Mummenschanz zu tun hat, mit ritualisiertem Glauben, Vorschriften der Kirche und anderer Sekten. Gott sei dank, daß mein Vater mich davor bewahrt hat. Am hölzernen Unterstand trennen sich für kurze Zeit die Wege von Frauen und Männern, man einigt sich, welche Gruppe zuerst hinuntergeht, diesmal sollen es also die Männer sein und wir Frauen werden hier auf sie warten. In dieser Zeit werden aus einer schriftlichen Textsammlung reihum Gebete gelesen. Oder Gedichte gebetet. Oder Texte vorgetragen. Wie immer man es nennen will. Es sind Texte aus vielerlei verschiedenen Kulturen und Religionen, aus untergegangenen und noch bestehenden Zivilisationen. Ihnen allen ist gemein der Dank und die Anbetung, die Verehrung des Göttlichen, des Ursprungs, des einen Gottes, wie auch immer er heißen oder wodurch auch immer er sich auf Erden offenbaren mag. Erleichterung meinerseits, die ich seit jeher eine Abneigung gegen die Litanei heruntergeleierter Gebete und deren oft abstruse und abstoßende Texte habe. Ich weiß, das gehört nicht hierher. Die Männer kehren zurück, mit feuchten Haaren, leise plaudernd oder schweigend, und wir machen uns auf den Weg, auf den schmalen, lehmigen Pfad, der sich zum Wasser hinunterschlängelt. Ab der schmalen Kette, die den Weg versperrt und die wir hinter uns schließen, damit eventuell nach uns Kommende wissen, daß der Ort "besetzt" ist, ist Schweigen angesagt. In diesem Schweigen schießt mir plötzlich siedendheiß ein Gedanke durch den Kopf: Mein Badeanzug! Ich habe meinen Bikini vergessen. Er ist in dem Beutel, den André bei sich trägt. Ich kann also nicht mit! Ich kann nicht mit hinunter zum Wasserfall und darf nicht mit baden! Nackt ist es - verständlicherweise - nicht erlaubt. Das ist klar, das fände ich auch respektlos. Ich finde es schäbig, sich an derartige Orte zu begeben und die dort geltenden Regeln zu mißachten. Aber nun kann ich nicht mit! Ich kann nicht von der heilenden Wirkung des Wassers profitieren und mir wird nicht geholfen werden! Und dafür bin ich doch extra den weiten Weg hierher gekommen und habe so viel Geld ausgegeben! Allen wird geholfen werden, nur mir nicht, nur für mich wird es wieder nicht reichen. Blitzartig steigt Panik in mir auf. Ich stürze - das Redeverbot vergessend und übertretend und der vor mir Gehenden hastig etwas von "Badeanzug vergessen" zumurmelnd - zurück, den vom letzten Regen noch glitschigen Abhang hinauf. Er kommt mir extrem steil vor und der kurze Weg extrem weit. Dabei ist es bloß ein winziger Spaziergang, ich bin doch das Gehen in den Bergen gewohnt! Ob die anderen noch am Unterstand sind? Warum nur hat André mir den Badeanzug nicht aus dem Beutel gegeben? Warum denkt er nie an etwas? Warum muß immer ich an alles denken? Warum bin ich aufgeschmissen, wenn ich einmal, ein einziges Mal, nicht selbst an etwas denke? Warum kann ich mich nie auf jemanden verlassen? Warum kümmert sich nie jemand um mich und denkt auch mal an mich? Fragen über Fragen. Schon völlig außer Atem renne ich den Weg entlang und rufe dabei nach André. Ich rufe immer lauter. Ich schreie seinen Namen, wobei ich mir einen Moment lang absolut klar darüber bin, daß dieses Verhalten grotesk und völlig übertrieben, ja geradezu lächerlich ist. Trotzdem gibt es keine andere Möglichkeit. Ich muß versuchen, ihn zu erreichen, mich verständlich zu machen, egal was die anderen denken und ungeachtet dessen, daß es keiner versteht. Es ist meine einzige Chance. Er hört nicht! Natürlich hört er nicht. Er hört nie. Niemand hört mich. Und wenn er mich hört, akustisch, dann versteht er nicht. Wenn er und die anderen nun schon auf der Piste sind, vielleicht schon fast zurück an der Casa! Es gab ja keinen Grund für sie, sich noch länger am Unterstand aufzuhalten. Nein, da sitzen sie noch traulich beieinander. André kommt auf mein Rufen hin bereits auf mich zu. Er merkt an meiner sich fast überschlagenden Stimme, daß etwas nicht in Ordnung ist. Ganz entschieden nicht in Ordnung. Japsend schreie ich ihm entgegen: "Mein Badezeug, ich kann nicht mit, ich hab' kein Badezeug." Er guckt mich verständnislos an und sagt irgend etwas von "nicht schlimm, hier ist es doch, das dauert doch eh, bis die anderen alle durch sind." | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Als ob das alles so einfach wäre, die Leute haben vielleicht Vorstellungen... Dauert? Durch? Er versteht überhaupt nichts, nie versteht er irgend etwas. Niemand versteht je irgend etwas! Niemand versteht wirklich! Den Tränen nahe, wird mir klar, daß ich das Badezeug nicht mehr brauche, ich kann die anderen sowieso nicht mehr einholen, sie sind unerreichbar, meilenweit entfernt, und alles wird längst vorbei sein, wenn ich endlich wieder dort unten ankomme. Selbst bei größter Eile: es ist sowieso alles sinnlos und genauso gut kann ich gleich zurückgehen. Es wird sowieso keine merken, daß ich fehle, mich wird sowieso keiner vermissen und mir wird sowieso nicht geholfen werden. Allen! Nur mir eben nicht. Typisch. Wie immer. Ich gehe so schnell wie möglich, die Tränen unterdrückend und ohne mich noch einmal umzusehen die Piste hinauf. Ich gehe den Umweg über die Felder zur Herberge, bin froh, daß ich niemandem begegne, den ich kenne, schließe die Tür ab (gut, daß ich den Schlüssel hatte!), lege mich ins Bett und will mit niemandem etwas zu tun haben. Es geht mir hier also auch nicht besser als zu Hause, auch nicht besser als anderswo. Es spielt sich die gleiche Scheiße ab wie immer und überall. Immer bin ich ausgeschlossen, immer bin ich alleine, immer bin ich irgendwie anders als die anderen, immer stehe ich in der Pause alleine auf dem Schulhof und bin froh, wenn die Stunde wieder anfängt, selbst wenn es Mathe oder noch schlimmer Sport ist, immer bin ich das schwarze Schaf. Keiner gibt sich Mühe um mich, obwohl ich immer so nett und freundlich zu allen bin, und hilfsbereit und warmherzig und liebevoll. Und verständnisvoll. Und einfühlsam. Allen gegenüber und besonders André. Zumindest normalerweise. Wenn ich nicht gerade meine fünf Minuten habe. Die auch schon mal achtundvierzig Stunden dauern können. Dann ändert sich mein Verhalten ein wenig. Dann bin ich nicht mehr ganz so liebevoll und friedlich schon gar nicht. Und auch nicht mehr verständnisvoll. Dann bin ich nur noch voller Wut und Haß und Aggression und Enttäuschung. Mit Ohnmacht und Hilflosigkeit fängt es an, die langsam, aber meist unaufhaltsam in mir hochkriecht. Daß niemand versteht. Mich. Daß niemand verstehen kann. Daß niemand verstehen will. Daß niemand da ist. Wer? Meine Mutter? Daß mich niemand hört. Daß ich egal bin. Unwichtig. Nebensächlich. Lästig. Lästig, wenn ich als kleines Kind nachts im Bett schrie. Absichtlich. Aus bösartiger Berechnung. Nein, ich hatte weder Schmerzen noch Hunger und mußte auch nicht aufs Klo. Ich wollte ganz einfach ausprobieren, ob jemand käme. War mein Vater zu Hause, kam er (er schlief im gleichen Zimmer wie wir) und sei es auch nur, um leise fluchend Erie, den Teddy unterm Bett hervorzuklauben, wohin dieser versehentlich geraten war, und ihn mir wieder in die Arme zu drücken. Meist war er aber nicht zu Hause, wegen seines Berufs. Nach einigen Jahren an Land fuhr er wieder zur See. Ich wäre auch gern zur See gefahren. Ich wußte zwar nicht wo das war, zur See, aber auf jeden Fall war es weit weg. Wenn ich bei meiner Oma zu Besuch war, kam diese auch. Vorsichtshalber. Oma war altmodisch, sie hatte nämlich nicht das psychologische Wissen und die Ausbildung meiner Mutter. Man könne ja nie wissen, warum so ein Kind plötzlich mitten in der Nacht schreie, meinte sie. Unangenehm war es, wenn sie mir die dicken zugebundenen Fäustlinge, die mich vergeblich am Nägelkauen hindern sollten und die ich mal wieder mühsam abgestreift hatte, wieder anzog, aber selbst das beruhigte mich und ich spürte irgendwie, daß sie es gut mit mir meinte. Meist brauchte sie aber nur die Bettdecke zurechtzuzupfen und ich schlief wieder ein. Meine Mutter kam nie. Sie brauchte ihren Schlaf. Außerdem hörte sie mich meist gar nicht, denn aufgrund meines durchdringenden Gebrülls war sie gezwungen gewesen, ihr Schlafzimmer in der Etage am anderen Ende unserer ziemlich großen Hauses einzurichten. Später mache sie sich dann oftmals einen Spaß daraus, wenn ich nach ihr rief um zu wissen wo in dem Riesenhaus sie war, sich mit meinem Bruder in einer Ecke oder hinter einer Tür zu verstecken und amüsiert zu beobachten, wie mein anfangs freundliches und harmloses Rufen irgendwann in kindliche Enttäuschung und Wut umschlug. Ich hatte gedacht, hier würde alles anders werden. Ich hatte gedacht, hier würde alter Mist aufgelöst werden, wenn man darum bat. Ich hatte gedacht, hier würde ich geheilt werden. Klar, die Blinden und Tauben und Lahmen und alle werden hier geheilt, nur ich nicht. Typisch! Ich hätte es vorher wissen müssen. Ich bin es mal wieder nicht wert! Nicht wert, daß man sich um mich kümmert. Mir geht es doch gut. Ich komme schon klar. Ina braucht keine Hilfe, Ina schlägt sich schon selbst durch, um Ina braucht man sich keine Sorgen zu machen. Nur um meinen dämlichen Bruder. Mein Gott, ich bin nicht blöd, ich bin nicht dämlich. Ich weiß, daß André und andere Menschen, die mich wirklich gern haben und lieben oder gern gehabt haben oft nur der Sündenbock waren und der Blitzableiter für Gefühle, die viel älter sind und gar nichts mit ihnen zu tun haben. Auch André weiß das. Aber was nützt das, wenn man es nicht ändern kann? Ich dachte, das würde hier geändert werden, von mir genommen werden, energetisch aufgelöst oder wie auch immer, da ich es offenbar selbst mit aller Mühe und trotz allem Verstehen nicht auflösen kann. (Nicht kann wohlgemerkt. Schließlich versuche ich es schon ein paar Jährchen und habe mir schon genug Ärger und Schwierigkeiten damit eingebrockt.) Ich habe beim ersten Mal unter dem Wasserfall schon darum gebeten, vor zwei Tagen schon! Und um mehr Geduld und Toleranz. Und was ist das Ergebnis? Ich hätte es vorher wissen müssen. Und mein eigentlicher, größter Wunsch, wegen dem ich eigentlich hierher gekommen bin, wird sowieso nicht in Erfüllung gehen. Bei mir geht nie irgend etwas in Erfüllung. Das einzige, was immer in Erfüllung ging, und zwar pünktlich, waren Weihnachtsgeschenke und so was. Dochdoch, das kann ich meiner Mutter nicht nachsagen. Der ganze materielle Scheiß. Alles, was ich nur wollte. Und Zucker und Süßigkeiten jeder Art bis zum Abwinken. Nur kein Tier. Tiere sind lebendig. Tiere haben ein Eigenleben. Das gibt Ärger. Die machen Dreck. Ekelhaft. Noch schlimmer als Kinder. Und schlimmer als Pflanzen. Die springen wenigstens nicht herum, sondern bleiben in ihren Töpfen, leiden da still vor sich hin und wenn Sie nach einigen Wochen verwelkt oder vertrocknet sind, schmeißt man sie weg und kauft neue. Aber Tiere sind lästig. Die haben Ansprüche. Die wollen Zuwendung und Zärtlichkeit. Und dann der Tierarzt: Was das kostet! Und im Urlaub? Was dann? Was macht man damit? Man gehört ja nicht zu den gefühlskalten Unmenschen, die ihre Haustiere zu Ferienbeginn einfach an der Autobahnraststätte anketten und dann mit Vollgas davonbrausen. Und ins Tierheim will man so ein armes Vieh doch auch nicht einfach abschieben. Freunde belästigen noch viel weniger. Nein, man hat Verantwortungsgefühl und deshalb holt man sich nicht leichtfertig ein Tier ins Haus. Wie gesagt, die Kinder sind schon schlimm genug. Fein, das weiß ich alles seit langem, aber was nützt es mir immer alles meiner armen Mutter in die Schuhe zu schieben, die sich überwiegend übel verhalten hat, weil sie es eben nicht besser wußte oder nicht anders konnte oder selbst als Kind nicht besser behandelt wurde. Ich hatte gedacht, das wird hier alles aufgelöst. Hier finden doch Wunderheilungen statt, oder? Aber wohl nur für Krebs und so was und all die armen Leute, die im Rollstuhl sitzen. Meine Beschwerden sind eben zu banal, zu unwichtig, wahrscheinlich nicht gravierend genug, was weiß ich, nach welchen Kriterien hier vorgegangen wird und was für Maßstäbe angesetzt werden. Offenbar die gleichen wie bei meiner Mutter, die auch immer viel - geheucheltes - Mitleid für Menschen in Kriegsgebieten, aber wenig für ihre eigenen Kinder hatte. Dabei lebten die im eigentlichen Krisen- oder besser gesagt Kriegsgebiet, nur daß das "Zuhause" hieß. Und plötzlich fange ich wieder an zu weinen und habe die lange vergessenen Bilder vor Augen, wie ich als Säugling monatelang in einem Kinderheim untergebracht wurde, das eigentlich nur für wesentlich ältere Kinder gedacht war und in dem ich nur ausnahmsweise wegen der schwierigen Situation aufgenommen wurde und wo extra ein Gitterbett für mich besorgt werden mußte, weil ich doch mit sechs Monaten noch viel zu klein war, um in einem der normalen Betten zu schlafen. Meine Mutter war heilfroh, daß sie mich überhaupt irgendwo abgeben konnte. Ich will nicht sagen "loswerden", denn das wäre gemein, sie mußte auf unbestimmte Zeit zu ihrer kranken Schwester nach Berlin, die dort mit Krebs schwerkrank oder sogar im Sterben lag und die sie über alles liebte und immer geliebt hatte - so sehr, daß sie mir mit fünf oder sechs Jahren einmal unmißverständlich sagte, sie würde mich umbringen, sollte ich beim Spielen eine der unzähligen Skulpturen und Tonfiguren, die diese angefertigt hatte, kaputtmachen - und die sie nun natürlich bei sich haben wollte und meine Mutter wollte auch bei ihr sein, schließlich war sie ein sehr mitfühlender Mensch und ein so kleines Kind wie ich dagegen legt ja auf die Mutter nicht so viel Wert. Es kriegt sowieso noch nicht viel mit von seiner Umgebung, eigentlich nicht mehr als die Topfpflanzen auf der Fensterbank, vielleicht sogar eher weniger. Zumindest dachte man das damals, und meine Mutter war zwar Grundschullehrerin, auch wenn sie nicht mehr arbeitete seit der Geburt meines Bruders, aber damals ging es ja noch eher um Rechnen und Schreiben und nicht soviel um Psychologie und solchen Kram und man wußte ja kaum, daß Kinder überhaupt so etwas wie eine Psyche haben, und deshalb fuhr sie eben nach Berlin, was sollte sie machen. Und mitnehmen konnte sie mich ja nun wirklich nicht, wieso eigentlich nicht? Mein Bruder hatte Glück, denn der war älter und konnte zu meiner Oma. Die hätte wahrscheinlich auch mich gerne genommen, denn sie hat mich sehr gemocht und ich sie auch, aber sie war schon fünfundsiebzig und meine Mutter mochte ihr das nicht zumuten, sie war eben sehr feinfühlig und rücksichtsvoll. Nur komisch, daß meine Oma dann ein oder zwei Jahre später allein mit uns beiden Kindern an die Nordsee verreisen durfte, damit meine Mutter endlich mal ihre Ruhe hatte, aber da war ich ja auch schon älter und hatte ein wenig mehr Verstand und vielleicht sogar schon eine Psyche und brüllte nicht mehr den ganzen Tag als sollte ich geschlachtet werden, wie meine Mutter es einmal formulierte. Nun lag ich hier irgendwo in Brasilien im Bett und hatte also dieses Bild von dem Zimmer im Kinderheim vor mir mit dem großen Baum vor dem Fenster, der bei Wind mit seinen Zweigen gegen das Fenster klopfte, als wolle er sagen, du bist nicht ganz allein und verlassen, verzweifle nicht, alles wird gut. Merkwürdigerweise tröstete mich das wirklich ein kleines bißchen und ich erinnerte mich ganz genau an das Zimmer, auch wenn meine Mutter immer behauptet hatte, ich könne mich gar nicht erinnern, weil ich viel zu klein gewesen sei. Ich hatte jahrzehntelang nicht mehr daran gedacht. Aber das Gefühl der Panik, des hilflos Zurückbleibens, des nicht nur ausgegrenzt, sondern regelrecht ausgesetzt und somit unrettbar verloren Seins, das mich heute nachmittag in Sekundenbruchteilen erfaßt und vollständig beherrscht hatte, so daß aller gesunde Menschenverstand und jede vernünftige Überlegung wie ausgelöscht gewesen waren, mußte noch andere Gründe haben, vielleicht sogar aus vorigen Leben, von denen ich nichts wußte. Und selbst wenn ich davon wüßte, was nützte mir das? Offensichtlich gar nichts. Irgendwann kommt André nach Hause, also in die Unterkunft. Er ist froh, das ich mich zwischenzeitlich etwas beruhigt habe, aber auch fest entschlossen bestimmte Auswüchse nicht mehr hinzunehmen oder mitzumachen, das sei ihm hier ganz klargeworden wie so vieles andere auch und bei ihm würde ganz viel passieren und an ihm werde ganz viel gearbeitet und das würde er ganz deutlich spüren und bei allen anderen auch. Ich zucke innerlich die Schultern: Ich sag's ja, ich hab's ja eigentlich von vornherein gewußt. Wie schön für ihn und all die anderen! Immerhin ist er halbwegs nett zu mir und versucht auch zu verstehen was eigentlich vorgefallen ist, auch wenn er es natürlich nicht versteht, weil er es nicht verstehen kann, aber immerhin tröstet es mich ein ganz klein wenig, daß er behauptet, bestimmte Dinge (er sagt freundlicherweise nicht "psychische Defekte") müßten vielleicht hier erst noch mal an die Oberfläche kommen, bevor sie aufgelöst werden könnten und dann fragt er ob ich Hunger habe und mit zum Essen kommen will, denn es ist inzwischen fast achtzehn Uhr. Hunger habe ich und Appetit sowieso, das ist normal, denn sollte ich eines Tages keinen Appetit mehr haben, dann bin ich höchstwahrscheinlich tot. Außerdem wäre es schade nichts zu essen, wir haben schließlich Vollpension bezahlt und das Essen ist wirklich sehr gut. Meine praktische Seite gewinnt also die Oberhand, ich raffe mich auf und gehe duschen. Danach fühle ich mich etwas besser, auch wenn das Wasser natürlich nicht heilig ist, hahaha. Beim Essen treffe ich eine Frau, die sehr nett ist, wie ich zugeben muß, obwohl ich ja eigentlich mit der Menschheit nichts mehr zu tun haben will, und die heute nachmittag mit am Wasserfall war. Sie fragt mich etwas erstaunt, warum ich denn nicht wiedergekommen wäre, alle hätten auf mich gewartet und überhaupt hätte ich doch auch in Unterwäsche unter den Wasserfall gehen können, das hätte doch in so einem Fall sicher niemanden gestört und auch die Entitäten hätten das sicherlich nicht als Frevel empfunden. Ach so? Es ist Mittwoch morgen und nach zwei Tagen Aufenthalt in Abadiania ist der erste "Casa-Tag" gekommen. Pünktlich, neugierig, ehrfurchtsvoll und ein bißchen aufgeregt stehen wir in der "premiera vez"-Reihe an, die lang ist, aber auch nicht wieder so lang wie an vielen anderen Tagen. Es ist Februar und die Brasilianer selbst gönnen sich ein wenig Party anstelle von Heilungsarbeit. Die Energien des Karneval und die mit der Einnahme der Passiflora-Pillen verbundenen Auflagen vertragen sich nicht allzu gut miteinander, so daß es hier ein wenig ruhiger zugeht als sonst. Ich will mich nicht selbständig für Meditationsraum zur Einstimmung entscheiden, sondern mir bei einer ersten Konsultation bei Joao de Deus eine erste Anweisung geben lassen, obwohl ich zunächst keine konkreten Fragen habe. Die ganze Casa mit ihren Außenanlagen hat mich positiv überrascht. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich vor einer Reise im Internet schon den Lageplan der Anlage mit Photos vom Klohäuschen ausdrucken lassen, um über alles informiert und (scheinbar) auf alles vorbereitet zu sein. Ich reise gerne mit leichtem Gepäck und ohne allzu viele Vorab-Informationen und Vor-Urteile und lasse mich dann vor Ort überraschen und überzeugen. Oder auch nicht. Jedenfalls hatte ich versucht keine übertrieben enthusiastischen Vorstellungen betreffs der Räumlichkeiten zu haben, zu denen die meist verschwommenen Schwarz-Weiß-Bilder in der einschlägigen Lektüre ja auch keinen Anlaß geben. Ich stelle mich auf für europäische Verhältnisse sehr schlichte barackenähnliche Gebäude ein. Schlicht sind die Gebäude auch, das Ganze hat nichts von einem us-amerikanischen oder europäischen Wellness-Tempel oder Spiri-Reise-Zentrum. Die Casa ist viel angenehmer als das. Schlichte, saubere Gebäude, die einzelnen Häuser nach praktischen Gesichtspunkten gebaut und miteinander in Verbindung gebracht, tadellos gepflegt und praktisch gestaltet, in den Farben der Freiheit und der Spiritualität gestrichen und ich habe vom ersten Augenblick an das Gefühl, den Eindruck, daß dies nicht nur Fassade ist. Der ganze Ort mit dem liebevoll gestalteten und gepflegten Gartenanlage, die zwar nicht so groß und parkähnlich ist, wie sie auf manchen Bildern wirkt, doch völlig ausreichend. Die Weite ergibt sich aus dem herrlichen Blick von der großen Holzterrasse. Auch hatte ich mir fest vorgenommen, mich von den sicherlich zahlreich vorhandenen Insignien christlich-katholischer Omnipotenz, von Heiligenbildern und ans Kreuz genagelten Jesus-Figuren nicht abschrecken zu lassen, denn schließlich befand ich mich in einem katholisch geprägten Land. Doch auch hier wurde ich angenehm überrascht. Zwar können die meisten der aufgehängten Bilder unter künstlerischen Gesichtspunkten nicht gerade als gelungen bezeichnet werden, aber darauf, das merkt man schnell, kommt es auch gar nicht an. Eine bestimmte Glaubensrichtung wird in keiner Weise propagiert oder gar aufgedrängt und die Einsicht, daß alle Religionen den gleichen Ursprung haben, hat hier offenbar Regie geführt. © 2006 Beate Schütz ....................................................................................................................... Teil 2 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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| Reiseinformationen Kosten Reisebegleiter Anmeldung Informations-Flyer Ein spiritueller Reisebericht Joao de Deus in Atlanta / USA Joao de Deus in Neuseeland Die Arbeit in den current rooms der Casa (1) Die Arbeit in den current rooms der Casa (2) Vai Trabalhar! Go to work! An die Arbeit! Der Cachoeira, der heilige Wasserfall Von allen guten Geistern verlassen? (1) Von allen guten Geistern verlassen? (2) Die Operationen in der Casa de Dom Inacio (1) Die Operationen in der Casa de Dom Inacio (2) Zeitungsartikel zu Joao de Deus in Deutschland Bücher und Filme zu Joao de Deus und Spiritismus | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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